Muss ich WhatsApp?

Das eine oder andere Selfie muss schon sein. Social Media ist immer auch persönlich. Foto: Lars Gieger/stock.adobe.com

24.11.2018 . Die Überschrift macht es schon deutlich – die sozialen Medien wie Facebook, WhatsApp, Twitter, Instagram und Co werden von vielen als Medium für junge Leute angesehen. Doch können es sich Direktvermarkter heute noch leisten nicht in den sozialen Medien präsent zu sein?


Nein, das können sie nicht.“ Diese klare Meinung vertritt Jutta Zeisset. Die 37-Jährige betreibt das Museums-Café und Hofladen Zeisset in Weisweil in Baden-Württemberg und ist als Social-Media-Beraterin tätig. Auf dem Fachforum „Bauernhof online und offline“ der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Walsrode stellte sie die Möglichkeiten von Social-Media in den Vordergrund.


Über die Plattformen werden längst nicht nur junge Leute angesprochen. Tatsächlich ist Facebook das soziale Medium der Ü-35-Jährigen, Instagram die Plattfom der jüngeren Generation und WhatsApp über alle Altersschichten am Start. Das Internet macht das Marketing für den eigenen Betrieb schneller, direkter und eröffnet neue Wege. So hat Jutta Zeisset beispielsweise die Gäste in ihrem Hofcafé via Facebook an der Suche nach einem neuen Eislieferanten beteiligt und ist so auf einen regionalen Erzeuger aufmerksam geworden, den sie vorher gar nicht kannte. Tischreservierungen laufen zunehmend über WhatsApp. Das ist sowohl für den Kunden als auch für den Cafébetreiber schneller als Telefonate und wenn kurzfristig eine Reservierung abgesagt wird, kann sie aus den WhatsApp-Anfragen eine passende auswählen und den Tisch anbieten. „So bleiben weniger Stühle frei“, so ihre Erfahrung. Noch schneller funktioniert die Tischreservierung über digitale Sprachassistenten. Einer der bekanntesten ist „Alexa“. Im Hofcafé Zeisset können Gäste bereits ihren Wunschtisch über „Alexa“ buchen. „Sprachsteuerung wird sich immer mehr durchsetzen“, ist Jutta Zeisset überzeugt. Die U-20-Jährigen kommunizieren bereits hauptsächlich über Sprachnachrichten. 


Natürlich kostet Social Media Zeit und da kommt wieder die Altersfrage ins Spiel. Denn die so genannten Digital Natives, also die bis 30-Jährigen, sind mit Tablet und Smartphone aufgewachsen und bedienen sie quasi nebenher, während das für die „Digital Immigrants“, also die 30- bis 50-Jährigen, nicht gilt. Einziger Trost: Das passende soziale Medium für diese Altersklasse ist Facebook und da reicht alle drei bis vier Tage ein Post, während auf „Insta“ jeden Tag etwas Neues stehen muss.
Ein Thema unter den Praktikern: Die passenden Themen und Bilder für einen Post zu finden und auszuwählen. Häufig schwingt die Sorge vor einem Shitstorm oder negativen Bewertungen mit. Dem trat Jutta Zeisset offensiv entgegen: „Wir müssen uns angreifbar machen, um echt zu sein“, so ihre These. An einem konkreten Beispiel heißt das: Bilder vom Schlachten sind tabu, vom Schlachtkörper hingegen nicht. Sie nannte es das „Tatort-Prinzip“: „Man sieht nicht den Mord, aber die Leiche.“ Den Kommentaren der User ist man außerdem nicht schutzlos ausgesetzt. Wer eine Facebook- oder Instagram-Seite betreibt, sollte auf jeden Fall die Moderationsfunktion aktivieren. Die erlaubt beispielsweise Posts von Dritten zu löschen oder reagiert auf bestimmte Schlagwörter. Auf Facebook kann auch die Bewertungsfunktion deaktiviert werden. Das ist in Google allerdings nicht möglich. Google Business bietet einen kostenlosen Firmeneintrag, über die „mybusiness“-App können dort Einträge moderiert werden.


Essen ist der neue Popstar


„Ohne Social Media geht es nicht, denn nur so finden Kunden und Gäste zu uns auf die Höfe.“ Damit knüpfte Dr. Hermann Kolesch von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau an die Aussagen von Jutta Zeisset an. „Aber nur reale Gastgeber sind herzlich und können lächeln.“ Heute lassen sich Kunden über Werte und Gefühle binden, es ist vom Wertemarkting die Rede. Damit eng verbunden ist ein positives Heimatgefühl. Was und wie wir essen, wo die Produkte herkommen und wie sie erzeugt wurden, all das drückt einen Stil und ein Lebensgefühl aus. Das lässt sich in Faktoren für eine erfolgreiche Vermarktung umsetzen.
- Erinnerungswerte schaffen: Schöne Erlebnisse legt unser Gehirn im episodischen Gedächtnis ab und dort bleiben sie lange bestehen. Wenn es Direktvermarktern also gelingt, mit ihrem Angebot, z. B. der lauschigen Weinlaube, den Gästen im Gedächtnis zu bleiben, werden sie wiederkommen.
- Differenzieren oder verlieren: Die Produkte und Dienstleistungen der Direktvermarkter müssen sich nicht nur vom Lebensmitteleinzelhandel, sondern auch untereinander unterscheiden. Das kann ein klares Statement zur Region sein oder die Persönlichkeit der Betriebsleiter.
- Wertschöpfung Emotion: Kunden und Gäste vergessen nicht, wie sie sich bei Ihnen gefühlt haben. Das erreichen Gastgeber durch Herzlichkeit, persönliche Ansprache, ein freundliches Lächeln.
- Vom Rohstoff zum Erlebnis: 1a-Produkte sind die Grundvoraussetzung. Nun geht es darum, sie zum Erlebnis zu machen. Zur Genusswelt gehören Essen in Gesellschaft, mit genug Zeit und Muße, schön verpackt und in angenehmer Umgebung präsentiert.
- Storytelling: Schaffen Sie einen Mythos um Ihr Produkt. Als Aufhänger können die Geschichte Ihres Betriebes, die Geschichte oder die Traditionen Ihrer Region sowie die Geschichte eines Familienmitglieds dienen.
- Regionalität und Nachhaltigkeit: Dazu gehört eine schöne Architektur und die Landschaft drumherum. Natürlich kann nicht jeder mal eben einen Architekten-Neubau errichten, aber vorhandene Gebäude lassen sich verschönern – und sei es nur durch die blühende Hecke vor der Wand des Schweinestalls.
Bisher sind Hofvermarkter häufig als Einzelkämpfer unterwegs. Die Zukunft sieht Hermann Kolesch hingegen in gemeinsamen Angeboten, z. B. Markthallen mit einem gebündelten Angebot mehrerer Direktvermarkter. Am besten ist eine solche Verkaufsstelle Teil eines regionalen Gesamtkonzepts, das touristische Angebote oder passende Infrastrukturmaßnahmen mit einschließt. Ute Heimann

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