Corona-Krise: Erfahrungen aus der Praxis

Wie erleben Direktvermarkter die Krise? Wir haben nachgefragt. Foto: K. Rotherm

01.04.2020 .  mWie sieht die aktuelle Situation in den Hofläden und auf den Wochenmärkten aus? Drei Direktvermarkter berichten.

Brigitte Mayer bietet in ihrem Hofladen in Kappelrodeck in Baden-Württemberg täglich frisches Obst und Gemüse aus dem Achertal, vieles aus eigenem Anbau. Wie erlebt Sie die Situation?

HOFdirekt: Hamstern Ihre Kunden?

Brigitte Mayer: Die Kunden kaufen mehr von den einzelnen Produkten: Zehn Kilo Kartoffeln, drei Dosen Wurst und so weiter. Von Hamsterkäufen würde ich aber nicht sprechen. Der Umsatz bewegt sich im Rahmen des Weihnachtsgeschäftes.

HOFdirekt: Wie ist die Situation in Ihrem Hofladen derzeit?

Brigitte Mayer: Weil viele Kunden unsicher waren, ob der Laden noch geöffnet ist, habe ich eine Anzeige im regionalen Wochenblatt veröffentlicht. Im Hofladen habe ich einige Regeln eingeführt: Es dürfen nur fünf Personen gleichzeitig in den Laden und diese müssen Abstand zueinander und zu den Mitabeitern halten. Unser Verkaufspersonal muss Einweghandschuhe tragen. Schon vor der Krise konnten die Kunden mit Karte zahlen. Das wird im Moment stark nachgefragt.

HOFdirekt: Welche Auswirkungen hat der Einreisestopp für Erntehelfer für Ihren Betrieb?

Brigitte Mayer: Wir haben zum Glück einen eher kleinen Betrieb (15 ha Obstbau, 4,5 ha Weinbau). Außerdem beginnt unsere heiße Phase mit Erdbeeren und Wein erst in vier Wochen. So bleibt uns noch etwas Zeit. Wir haben schon viele Hilfsangebote von Bekannten und Verwandten erhalten und überlegen bereits, wo wir sie einsetzen können. Nach dem offiziellen Einreisestopp habe ich mich auf dem Internet-Portal ,Das Land hilft , eingetragen. Daraufhin hatte ich schon Anrufe von Studenten, die derzeit nicht zur Uni dürfen. Die Leute, die infrage kommen, werde ich in zwei Schichten einteilen, je mit fünf bis sechs Stunden. Damit brauche ich dann die doppelte Menge an Leuten, aber ich bin sicher, dass wir genug Leute bekommen.

Schichtdienst für die Mitarbeiter

Auch Christel Braun aus Kirchheim am Neckar berichtet von deutlich größeren Einkaufen ihrer Kunden in der Obsthalle Kirchheim.

HOFdirekt: Hamstern Ihre Kunden?

Christel Braun: Die Kunden kaufen deutlich mehr als sonst. Auf dem Wochenmarkt haben wir eine Umsatzsteigerung von 50 %. Besonders gefragt sind Äpfel, Frischgemüse und Salate genauso wie Kartoffeln, Mehl, Dosenwurst und Nudeln.

HOFdirekt: Wie ist die Situation in Ihrem Hofladen derzeit?

Christel Braun: Normalerweise hat der Hofladen die komplette Woche durchgehend geöffnet. Seit der akuten Krisen-Phase haben wir das Team in zwei Schichten geteilt - Vormittag und Nachmittag. Wir machen nun eine halbe Stunde Mittagspause, damit die Mitarbeiter bei dem Schichtwechsel garantiert keinen Kontakt haben. Auch privat soll es keinen Kontakt zwischen der Vormittags- und der Nachmittags-Schicht geben.

In den Hofladen kommt niemand mehr hinein. Unser Verkauf hat eine Größe von ca. 120 m². Bei vielen Hunderten Kunden am Tag, ist man natürlich auf “Kuschelkurs”. Wir haben nun komplett auf Bedienung umgestellt. Die Kunden stehen mit Abstand vor der Tür in der Schlange. Bestell- bzw. Einkaufszettel können draußen ausgefüllt werden. Diese sollen die Abwicklung erleichtern und werden auch gut angenommen. Der nächste Schritt ist der Einbau einer Plexiglasscheibe, um den Kontakt zu den Kunden noch weiter zu verringern. 

Äpfel und Birnen werden nur noch in abgepackten Tüten rausgegeben. Nur für das Abpacken der Äpfel brauchen wir zwei zusätzliche Personen. Als Beispiel: Freitag und Samstag sind üblicherweise sieben Personen im Einsatz, jetzt waren wir elf bis zwölf und zeitweise auch länger anwesend. Aufgrund der zusätzlichen Arbeit sind unsere Mitarbeiter  an der Kapazitätsgrenze. Deshalb werde ich den Laden auch nicht sonntags  öffnen. Wir haben zum Glück einen größeren Anteil an Hausfrauen, welche geringfügig arbeiten. Wir haben natürlich keine Ahnung, wie wir dies im restlichen Jahr wieder ausgleichen können. 

Der Umsatz ist gestiegen

Dr. Ralf Schaab ist Vorsitzender des Arbeitskreises Direktvermarktung in Wiesbaden, zu dem ca. 30 Betriebe gehören. Er selbst betreibt einen Hofladen mit Liefersevice

HOFdirekt: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihren Betrieb aus?

Ralf Schaab: Die Umsätze im Hofladen haben sich seit Beginn der Krise mehr als verdoppelt. Wir stellen fest, dass sowohl unsere Stammkunden- als auch neue Kunden in den Laden kommen. Die Kunden sind überwiegend sehr diszipliniert und haben mehr Zeit für ihren Einkauf. Die Händedesinfektion am Eingang wird gerne wahrgenommen. Es werden erstmalig seit 15 Jahren wieder große Säcke Kartoffeln im Hofladen verkauft, nicht nur 2 und 4 Kg Tüten. Kunden kaufen direkt einige Gläser Honig auf einmal. Die Sensibilität und Wertschätzung für regionale Nahrungsmittel und gesunde Lebensmittel ist seit Corona gestiegen. Viele Menschen, viele Familien müssen wieder zu Hause kochen, können in keine Kantine oder Restaurants gehen. Das steigert natürlich den Absatz von Rohware, von Obst und Gemüse.

HOFdirekt: Was stellen Sie außerdem fest?

Ralf Schaab: Die Belieferungen an die Kindergärten und Schulen sind fast vollständig zum Erliegen gekommen. Auch Gruppenführungen, Feldrundfahrten und andere Hof-Aktionen finden nicht mehr statt. Die Umsatzsteigerungen im Laden können diese Einbußen nicht vollständig kompensieren.

HOFdirekt: Kann die aktuelle Situation eine Chance für den Direktvertrieb von Lebensmitteln sein?

Ralf Schaab: Wir sehen das als eine große Chance für die Zeit nach der Krise. Wir wollen jetzt die Neu-Kunden von den Vorzügen einer mehr regionalen, individuellen Versorgung mit Lebensmitteln überzeugen. Hierfür müssen wir aktuell all unsere Energie aufwenden- Für uns ist das eine sinnvolle Investition in die Zukunft.  kr

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