"Können wir das wirtschaftlich durchhalten?"

Christina Ingenrieth berichtet in einem Blogbeitrag über die vergangenen Wochen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie. Foto: privat

06.04.2020 . Wie liefen die vergangenen Wochen auf dem Erdbeer- und Spargelbetrieb Genholter Hof am Niederrhein ab? Das berichtet Landwirtstochter und Bloggerin Christina Ingenrieht.

11. März: Seit zwei Tagen warten wir auf Saisonarbeitskräfte aus Rumänien. Bisher gibt es noch nicht so viel auf den Feldern zu tun, sodass wir nicht mehr als zwei Saisonkräfte zusätzlich zu unserem polnischen Festangestellten benötigen. Erst im Laufe des Tages erhalten wir die Nachricht, dass die beiden Männer vorerst nicht kommen können. Der Fahrer ihres Busses wurde an der österreichischen Grenze so verunsichert, dass er eine Weiterfahrt nicht verantworten konnte und umgekehrt ist. Wir sind wie vor den Kopf gestoßen – was heißt das für uns? Können wir noch mit Unterstützung aus Rumänien und Polen rechnen? Gibt es andere Möglichkeiten, um einreisen zu können? Fragen über Fragen die uns in den nächsten Tagen beschäftigen werden…

16. März: Ich bin in meiner Wohnung, 7 km vom Betrieb entfernt und erhalte nur eine kurze Nachricht meines Vaters: „Guten Morgen, die zwei rumänischen Männer sind gerade angekommen.“ Puuhhh – kurzes Aufatmen… Sie haben einen zweiten Versucht gestartet und sind problemlos mit dem Bus über die österreichische Grenze gekommen – kurz vor knapp wie sich herausstellen sollte.

17. März: Ich sitze morgens mit meinen Eltern zusammen – wir sind gerade Familie, Krisenstab und Unternehmer zugleich. Was machen wir mit den Saisonkräften, die wir für die Spargel- und Erdbeersaison benötigen? Was passiert mit unserem Saisonrestaurant / Bauernhofcafé? Können wir unsere für den 10. April geplante Spargelsaisoneröffnung problemlos durchführen? Wie können wir unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern gerecht werden, dass sich niemand ansteckt? Schließlich möchten wir, dass sie ihr Einkommen zumindest noch in Teilen beziehen können. Weiterhin nur unbeantwortete Fragen, während durchgehend das Telefon klingelt und Tisch- und Zimmerreservierungen abgesagt werden und der Lebensmitteleinzelhandel stets neue Ware bei uns bestellt. Was passiert hier gerade? Erstmal weiter abwarten…

18. März: Frühstücksbuffet für nur zwei Leute – können wir das, neben der Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern und Gästen, auch wirtschaftlich durchhalten? Eher nicht. Zudem erhalten wir die Auflage, unser Café nur noch bis 15 Uhr zu öffnen. Wir entscheiden uns kurzerhand, das Café ab dem 19. März komplett vorerst für zwei Wochen zu schließen. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass daraus einmal (mind.) 4,5 Wochen werden? Wohl niemand.

19. März: Wieder gemeinsames Zusammensitzen und Beratschlagen. Was machen wir mit den Saisonkräften, die wir in ca. einer Woche brauchen? Die Grenzen werden voraussichtlich komplett geschlossen und eine Einreise mit dem Bus wird nicht mehr möglich sein. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Was machen wir mit unserer rumänischen Mitarbeiterin, die derzeit hier ist, uns in der Café-Küche unterstützt und Anfang April nach Rumänien zurückwollte? Busse fahren definitiv nicht mehr – also muss ein Flug her. Den nächsten freien Platz in einem Flieger in die Heimat gibt es jedoch erst Ende April. Enttäuschung und Traurigkeit machen sich bei unserer Mitarbeiterin breit. Wer kann es ihr verübeln? Würden wir selbst in einer solchen Zeit nicht auch schnellstmöglich nach Hause zu unseren Familien zurück wollen? Der Flug Deutschland – Rumänien wird gebucht.

20. März: Ständiges hin- und her Telefonieren bestimmt nun unseren Alltag. Haben wir Saisonkräfte, die nach Deutschland fliegen würden? Welche Unterlagen werden dafür benötigt? Was müssen wir beachten? Unter diesen Umständen bedeutet Fliegen auch, nur wenige persönliche Sachen mitnehmen zu können. Also auch hier: Was benötigen die Saisonkräfte zusätzlich von uns? Wir brauchen einen langen Atem, da viele Unterlagen von unterschiedlichen Stellen verlangt werden – erhalten aber nach einem ganzen Tag Bangen das Go, Flugtickets buchen zu können.

22. März: Ansprache der Kanzlerin: Kontaktverbot für mehr als zwei Personen, komplette Restaurantschließungen, etc. Herr Laschet übermittelt hinterher, dass dies für NRW bis mindestens 19.04.2020 gilt. Für uns ist klar: Spargelsaisoneröffnung am 10.04.2020 ist hinfällig.

23. März: Ein warmes, sonniges Wochenende liegt hinter uns. Was heißt das für den Spargel im Treibhaus? Er wächst und wächst und wächst. Wohin jedoch mit der Menge, wenn wir schließen müssen und auch die Menschen, unsere Kunden, angehalten sind, das Haus nicht mehr als nötig zu verlassen? Kurzerhand entscheiden wir uns gemeinsam für folgenden Plan: Wenn die Gäste und Kunden nicht zu uns kommen können, müssen wir eben zu ihnen kommen: Es muss ein Lieferservice her, der aber ohne großen Aufwand betrieben werden soll. Unsere Mitarbeiter aus der Gastronomie sind Feuer und Flamme und unterstützen uns wo sie können.

29. März: Die erste ganze Woche ohne Café ist rum: Wir atmen kurz auf: Unsere zwei rumänischen Mitarbeiter sind eingeflogen und heil bei uns angekommen. Welch aufregende Situation auch für die beiden, sind sie doch noch nie geflogen. Wir wissen nicht was die nächsten Wochen auf uns zukommt, gerade auch im Hinblick auf die nun beschlossene Einreisebeschränkung der Saisonkräfte, und rückblickend ist es auch gut so. Wir verspüren nach dieser Woche vorerst nämlich nur eines: Dankbarkeit.

Dankbarkeit, für unsere Saisonkräfte und insbesondere die beiden Männer, den Weg gemeinsam mit uns zu gehen und uns unterstützen zu wollen. Dankbarkeit, für unsere weiteren Mitarbeiter, welche wir stets und ständig anrufen und um Hilfe bitten können: Egal ob beim Ausliefern oder Spargelsortieren. Dankbarkeit, für unsere Gäste und Kunden, die uns so positive Rückmeldung geben und uns auch weiterhin unterstützen wollen - egal ob durch den direkten Einkauf in unserem Hofladen (den wir unter größten Sicherheitsvorkehrungen weiter betreiben) oder durch unseren neu eingerichteten Lieferservice. Dankbarkeit, für die vielen Menschen, die sich unbekannterweise bei uns melden und ihre Hilfe und Unterstützung bei der Ernte anbieten. Und vor allen Dingen Dankbarkeit darüber, diese Ausnahmesituation gemeinsam als Familie durchstehen zu können und einander zu haben. Denn wir sind sicher, dass, auch wenn wir in manchen Momenten gerne alles hinschmeißen würden und völlig verzweifelt sind, wir gerade aus den genannt positiven Erfahrungen unsere Kraft schöpfen können und auch werden! Und das vielleicht genau diese Erfahrungen, meine Entscheidung die Nachfolge anzutreten, nur positiv beeinflussen und festigen können. Christina Ingenriet/Hofheld.de

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.hofheld.de

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